- Kategorie: Gesundheit
- Erstellt am Dienstag, 05. November 2013 08:23
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- Veröffentlicht von Porta Vitalia Redaktion
Das neue Handbuch zur Diagnose psychischer Leiden hat über Nacht Millionen Menschen zu Geisteskranken gemacht. Kritiker befürchten exzessive Nebenwirkungen.
ADHS, Sissi-Syndrom, Menopause des Mannes – die „Operation Krankschreiben“ geht immer weiter. Dabei bleibt kaum ein Organ außen vor, keine Lebensnische unbeleuchtet. Selbst die Psyche hat sich den tüchtigen Tüftlern zu stellen. Sehr zur Freude der Pharmafirmen – denn sogar alltägliche Sorgen werden neuerdings als medizinisch behandlungsbedürftig deklariert. So tauchen im Katalog DSM (Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen) immer mehr Krankheiten auf, seit 2011 weit über einhundert.
Alle mit kompliziert klingenden Bezeichnungen, viele allerdings so neu nicht, nur neu getauft. "Früher, wenn man sich Namen nicht mehr merken konnte, hieß das vergesslich. Heute heißt das Morbus Alzheimer. Und schon wieder muss man sich einen Namen merken“, spöttelte Harry Rowohlt ob dieser Diagnose-Dramaturgie. Zudem ist man heute auch nicht mehr einfach nur schüchtern, man leidet an "Sozialphobie". Zum Glück lässt die sich mit Psychopharmaka behandeln. Ähnliches gilt für das "Binge Eating", einfacher ausgedrückt: periodische Fressanfälle ohne anschließendes Erbrechen.
Wie "Fressanfall" definiert wird, steht allerdings noch nicht fest. Auch das "Messie Syndrom", "Spielsucht" und "regelmäßiges Kratzen" sind jetzt psychische Krankheiten, Trauer ebenso. Niedergeschlagenheit, Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie mangelnder Antrieb seien in den ersten Wochen nach dem Tod einer geliebten Person eine völlig normale Reaktion, hieß es noch in der vierten Ausgabe der „Psychiatrie-Bibel“. Die aktuelle Version (DSM-V) ist diesbezüglich weniger verständnisvoll. Jetzt läuten bei denselben Anzeichen schon nach zwei Wochen die Alarmglocken: Diagnose Depression!
Einer der schärfsten Kritiker des neuen DSM, der US-amerikanische Psychiater Allen Frances, Autor des Buches „Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen“ (Dumont) befürchtet, dass das Werk die „Hyperinflation an Diagnosen“ noch verstärken wird. Das führe zu einem noch exzessiveren Medikamentenkonsum mit oft gefährlichen Nebenwirkungen.
Das Gemeine daran: Die Pharmaindustrie zielt vor allem auf die "besorgten Gesunden", und hat dabei oft die Ärzte als Handlanger auf ihrer Seite – die wie verrückt Psychopharmaka verschreiben. Bei diesem Tempo dürfte bald die finale Frage auftauchen: Ist irgendwann überhaupt noch jemand „normal“?
Bild: © bluedesign - Fotolia.com
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